Auf den Almen begegnet man der Jezersko–Solčava und der Bovška, zwei regional geprägten Schafrassen, deren Vliese sich durch elastische, gut filzende Fasern auszeichnen. Feinheit, Kräuselung und Deckhaar-Anteil entscheiden später über Spinnfreude und Warmhaltevermögen. Hirtinnen erzählen, wie nährstoffreiche Hanglagen, sanfte Herbstsonnen und das sorgsame Hüten den Fasercharakter formen. So entsteht ein Material, das nicht nur wärmt, sondern als gelebte Topografie in den Händen liegt.
Im Frühling führt der Auftrieb die Herden hinauf, wenn junges Gras mineralreich sprießt und die Witterung das Vlies trocknet. Sommerliche Gewitter reinigen die Luft, während Hirten die Herde behutsam versetzen. Im Herbst drängen Nebel tiefer, Kräuter duften intensiver, und die Tiere steigen ab. Dieser Jahreslauf prägt Faserlänge, Sauberkeit und Glanz. Wer versteht, wann die Weiden am besten ruhen, lernt, Qualität nicht zu erzwingen, sondern wachsen zu lassen.
Kurz nach Tagesgrauen, die Felsen noch rosa, berichtet ein alter Hirte, wie ein plötzlicher Spätfrost einst die Weide dämpfte. Statt zu drängen, wartete er, wechselte Hang und Rhythmus. Die Lämmer fraßen später, das Vlies blieb dicht, geschmeidig, erstaunlich sauber. Diese Geduld, sagt er, ist unsichtbar, bis die Faser gewaschen, gesponnen, gewoben wird und dann Wärme spendet, die nicht kratzt, sondern Geschichten weitererzählt.
Beim Scheren zählt Teamarbeit: sicheres Führen, scharfe Klingen, ruhige Bewegungen. Direkt danach beginnt das Sortieren nach Partien – Schulter, Rücken, Bauch – jede Zone bringt andere Qualitäten. Grobe Vegetation wird vorsichtig herausgepickt, Knoten gelöst. So entstehen Stapel für feine Garne, robuste Teppichkettfäden oder filzbereite Matten. Transparente Beschriftung, Notizen zum Tier und zur Weide sichern Rückverfolgbarkeit und spätere Entscheidungen am Spinnrad.
Sanftes Waschen mit moderater Temperatur und rückfettender Seife hebt Schmutz, ohne die natürliche Kräuselung zu erschöpfen. Mehrere Bäder, behutsames Drücken statt Reiben, danach luftiges Trocknen auf Gittern: So bleibt Elastizität erhalten. Ein Rest Lanolin schützt, macht griffig und wasserabweisend. Wer die Umgebungsluft im Bergtal nutzt, spürt, wie klare Brisen Vlies beleben, Gerüche vertreiben und die Fasern locker auffächern, bereit für Karden und Trommeln.
Aus kardierten Wolken wird Faden, wenn Drall und Zug in Balance kommen. Die Handspindel lehrt Geduld und Rhythmus; das Spinnrad schenkt Kontinuität, Feinheit und gleichmäßige Zwirne. Je nach Verwendungszweck entstehen wollige Singles, belastbare Zweifachgarne oder elastische Dreifachzwirne. Die Bergwelt mischt mit: Stilles Licht, langsame Atmung, ein Blick zur Felswand – all das schreibt sich ein, Masche für Masche, Schlag für Schlag.